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Prof. Dr.-Ing. habil.  E. Augustin        15827 Blankenfelde, am 4. 7. 2012

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Bretschneider,

Mal ganz abgesehen davon, dass ich von der ganzen Flugrouten-diskutiererei, die jetzt auch wieder in Leipzig eine unrühmliche Rolle spielt, überhaupt nichts halte, weil im realen Flugbetrieb sowieso nach den Anweisungen der Fluglotsen geflogen wird, so dass bestenfalls im Bereich der ersten 5 Flugkilometer die geplanten Flugrouten höchstens als Orientierung für die jeweilige Start-Flugbewegung dienen, geistern sie dennoch in den Hirnen vieler Alt- und Neubetroffener herum. Die Gemüter werden aber immer wieder strapaziert, wenn dann auch noch die kürzlich von Ihnen geäußerten Weisheiten, die reine Halbwahrheiten sind, den wahren Sachverhalt verdrehen.

Sie, Herr Bretschneider,  meinen, dass die Planfeststellungsbehörde zu keinem Zeitpunkt die heute möglicherweise Neubetroffenen getäuscht oder gar wissentlich belogen und betrogen habe, wenn es um den Verlauf der im Planfeststellungsbeschluss vorgegebenen, sogenannten „geraden Abflugrouten in westlicher Richtung“ geht. Diese Flugrouten wären ja gar keine echten Flugrouten, denn die Festlegung dieser echten Flugrouten wäre ja gar kein Bestandteil der Planfeststellung, sondern in einem getrennten Verfahren kurz vor der Eröffnung des geplanten Flugbetriebes Sache der DFS und der nachgeordneten Flugaufsichtsbehörde.

Na schön – lieber Herr Bretschneider – Sie mögen ja Recht haben, so lange in den Karten nur „gerade Striche in Verlängerung der Start- und Landebahnen des neuen Flughafens“ gemalt sind, die nichts weiter bedeuten, insbesondere aber auch keine rechtserheblichen Konsequen-zen auslösen.

Aber wenn Sie diese Striche zu „Pseudoflugrouten“ umfunktionieren und im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens mit Hilfe dieser „Striche“ Lärmschutzzonen mit auf den Meter genauen Grenzen berechnen lassen und auf dieser Grundlage sogar sehr rechtserhebliche Entschei-dungen über zu gewährende oder zu versagende Entschädigungen bzw. Schallschutzmaßnahmen treffen, die für viele Menschen für deren künftiges, schadloses oder gesundheitsgefährdendes Leben entschei-dend sind, dann steht Ihre Argumentation auf sehr wackligen Füßen. Im Gegenteil wäre sie ein weiterer Beweis dafür, dass wieder einmal die betroffenen Bürger mit Halb- und Unwahrheiten kaltgestellt werden sollen.

Es ist nicht zu fassen, wie Sie sich als Vertreter einer wichtigen Behörde, die eigentlich für die Menschen da sein sollte, immer und immer wieder mit fadenscheinigen Argumenten gegen die Interessen der Bürger stellen - - - und das ohne rot zu werden. Wir sind doch keine Dummköpfe, um uns erzählen zu wollen, dass „keine Flugrouten“ rechtsverbindlich zur peinlich genauen Berechnung von Fluglärmdaten in dB(A) aufs Komma genau und Lärmschutzbereiche auf den Meter genau herangezogen werden können, um auf dieser Grundlage z.B. ein Schallschutzprogramm zu initialisieren.

Das grenzt doch an einen Schildbürgerstreich erster Ordnung mit der Konsequenz, dass massenhaft Flughafenanwohner mit unvollkommenen und auf falscher Grundlage berechneten Fluglärmdaten, d.h. auf der Grundlage von Fehlentscheidungen mit Schallschutzmitteln „abgespeist“ werden, was zudem noch mit einer erheblichen Verschwendung von Steuermitteln einhergeht.

Wie wollen Sie das auf Dauer mit Ihrem Gewissen vereinbaren ?

Ich denke, ist nun langsam höchste Zeit – egal, wie in Leipzig das derzeit laufende Klageverfahren für die Kläger ausgeht – die Karten offen und ehrlich auf den Tisch zu legen und mit einer Entschuldigung auf die Neubetroffenen zuzugehen.

Diese Menschen sind im Unklaren gelassen worden. Es ist ganz eindeutig festzustellen, dass die Planungsbehörde schon sehr lange wusste, dass die „geraden Pseudo-Flugrouten“ nur zu dem Zweck angesetzt worden sind, um eine möglichst geringe Gesamtbelastung des Flughafenumlandes ausweisen zu können. Dadurch konnte man eine hohe Zahl derzeit durch die existierenden Flughäfen Tempelhof und Tegel nach deren Schließung entlasteter Bürger gegen eine viel geringere Anzahl durch den neuen Standort des BER belasteter Menschen begründen. Mit dieser Begründung wurden dann wesentliche Argumente der Standortgegner vom Tisch gewischt – sie wurden getäuscht, indem die wesentlich höhere Belastung durch realitätsnähere Flugerwartungsgebiete und damit der Zahl der erheblich Fluglärm-belasteten „kleingerechnet“ worden sind.

Der jetzige Standort des BER wäre nach meiner Auffassung nicht zu Stande gekommen, wenn zum Zeitpunkt der endgültigen Standort-entscheidung alle heute Alt- und Neubetroffenen zu Worte gekommen wären.

Hier hat man getrickst, um mit allen Mitteln die jetzige Standortwahl entgegen aller Vernunft und Vorausschau schon im Raumordnungs-verfahren durchzupeitschen – daran beißt die Maus keinen Faden ab.

Damit möchte ich schließen. Ich hoffe, dass Sie meine Argumente sachlich prüfen und danach mit mehr Ehrlichkeit und Anstand auf die betreffenden Bürger zugehen, dass Sie endlich die Wahrheit sagen und nicht weitere fadenscheinige Argumente gebrauchen, um die zweifelsfrei nachweisbaren Fehler im bisherigen Planfeststellungsverfahren zu beschönigen, zu vertuschen und ins Gegenteil umkehren zu wollen.

Wir sind nicht so dumm, um – nach den gesammelten langjährigen Erfahrungen im Umgang mit Ihrer Behörde – alle Ihre Äußerungen, Entscheidungen und Maßnahmen kritiklos hinzunehmen. Es wäre uns allerdings wesentlich lieber, mit guten Vorschlägen Ihrer Behörde zu helfen, zu den bestmöglichen Lösungen der anstehenden Probleme zu kommen, anstatt ständig nur auf der Lauer liegen zu müssen, um wieder einmal irgendwelche Tricksereien aufzuspüren und Fehlerdiskussionen mit Ihnen durchführen zu müssen.

Es ist völlig unverständlich, wie Sie sich bürgerfeindlich verhalten, anstatt das vorhandene Wissenspotenzial der vielen freiwillig und ehrenamtlich tätigen Flughafenanwohner zur Unterstützung Ihrer Entscheidungen zu nutzen. Da bauen Sie lieber eine Front gegen sich auf, anstatt bei den bereitwilligen Menschen Hilfe zu suchen.

Darüber sollte man einmal nachdenken. In diesem Sinne verbleibe ich mit freundlichen Grüßen


Prof. Dr.-Ing. habil.  E. Augustin


PS: Ich sende diesen Brief an Sie als offenen Brief zu Information auch meiner betroffenen Mitbürger, die voll hinter meinen Ausführungen stehen.